The Wire und die reale Welt von Baltimore

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich schon einmal einen Artikel zu der TV-Serie „The Wire“ verfasst. Zu dieser Serie möchte ich heute nochmal zurück kommen. Irgendwie passt es heute nämlich ganz gut. Zum einen ist es heute wieder Zeit für den Superbowl, der dem Artikel vom 5.2.2013 zugrunde lag und zum anderen ist die „beste Serie aller Zeiten“ ja erst kürzlich im Widescreen Format erschienen, daher ab sofort auch für die heutigen Fernseher (noch) besser geeignet und seit meinem Geburtstag auch in meinem Besitz. Da es sich hier aber nicht um einen Blog über Serienrezensionen und Filmtipps handelt (auch, wenn sich dies in den nächsten paar Wochen anscheinend zu einem Schwerpunkt-Thema entwickelt, wenn ich sehe was noch als Entwurf im Backend herumliegt…), soll es natürlich nicht um die „beste Serie aller Zeiten“ direkt, sondern vielmehr um die Situation der Stadt Baltimore gehen und wie diese direkt oder indirekt in The Wire aufgegriffen wurde.

Baltimore, die Stadt in der Serie

Gemeinhin gilt The Wire als eine sehr reale Serie, die es geschafft hat, die verschiedenen Facetten der einzelnen Charaktere und deren Lebensumstände perfekt einzufangen. Beweis sind neben den vielen, vielen Schwärmereien von Serienfans und Kritikern vor allem die Berichte, Analysen und sogar Uni-Seminare, welche die Serie ebenfalls wieder unter einem jeweils ganz anderen Blickwinkel betrachten. Ein aktueller Bericht ist hierbei zum Beispiel die Story aus Slate, die sich mit The Wire aus Professoren-Sicht beschäftigt. Denn die Serie ist schon längst ein gern gesehener Gast in Uni-Seminaren der verschiedensten Studienrichtungen, mit denen sich mittlerweile auch die rennomierten US-Unis regelmäßig beschäftigen.

Welchen Einfluss die Serie auf Stadtentwicklung, soziale Ungleichheit oder Urbanisierungstendenzen hatte, zeigen neben dem Slate Artikel auch noch das hervorragende David Simon Interview auf Believermag (auf den ich durch den Bericht: „A simulated Baltimore“ von City of Sound gestoßen bin) oder die Abhandlung “Way Down in the Hole”: Systemic Urban Inequality and The Wire“ von Anmol Chaddha and William Julius Wilson (beide University of Chicago). Aber auch die Boston University steht mit dem Seminar: „The City in the Media: The Sociology of HBO’s The Wire in der Reihe der Universitäten, die sich genauer mit dem Phänomen The Wire beschäftigt haben.

Das Interview auf The Believer hat nebenbei kein geringerer als Nick Hornby geführt. Wer bislang den Link oben noch nicht geklickt hat, aber Fan von High Fidelity oder A Long Way Down ist, sollte einen Blick riskieren. Hornby schreibt seit 2003 immer mal wieder für das Magazin und outet sich in dem Gespräch mit Simon als großer Fan der Serie sowie der Vorreiter-Bücher Homicide und The Corner.

Worum es in The Wire geht, beschreibt Simon sehr treffend als eine moderne griechische Tragödie:

„But instead of the old gods, The Wire is a Greek tragedy in which the postmodern institutions are the Olympian forces. It’s the police department, […] or the macroeconomic forces that are throwing the lightning bolts and hitting people in the ass for no decent reason. In much of television, […] individuals are often portrayed as rising above institutions to achieve catharsis. In this drama, the institutions always prove larger, and those characters with hubris enough to challenge the postmodern construct of American empire are invariably mocked, marginalized, or crushed. Greek tragedy for the new millennium, so to speak.“

Ganz ähnlich beschreiben auch Chaddha und Wilson den Einfluss und die Bedeutung der Serie:

Through the characters of The Wire, viewers can clearly see that various institutions work together to limit opportunities for the urban poor and that the actions, beliefs, and attitudes of individuals are shaped by their context. […] The Wire is able to deftly weave together the range of forces that shape the circumstances of the urban poor while exposing deep inequality as a fundamental feature of broader social and economic arrangements.

Die Realität von Baltimore

Mittlerweile sollten auch die Nicht-Kenner der Serie den Eindruck haben, dass es sich um eine äußerst reale Schilderung urbaner Probleme wie sozialer Ungleichheit, Verarmung, Kriminalität und fehlende Schulbildung handelt. Komplett vor Ort gedreht,stammen viele der Schauspieler selbst aus Baltimore. Viele sogar aus eben diesen „Problem“- und Unterklasse Wohngebieten, die man in der Serie immer und immer wieder sieht. Wie sehr sich dabei Fiktion und Realität stellenweise kommen, zeigen z.B. die Verhaftungen einiger Protagonisten, die es seitdem immer wieder in die Presse schafften.

Auch die Orte aus der Serie finden sich in Baltimore heute noch weitestgehend wieder. So zeigte erst im Dezember eine Fotostory der Baltmore Sun, dass es die meisten Orte tatsächlich noch in ihrer damals geschilderten Trostlosigkeit gibt. Allerdings kann man auch hier einigen Orten den weiteren innerstädtischen Zerfall und den hohen Leerstand in der Stadt ansehen. Immerhin hat Baltimore laut Zensus-Daten (pdf) allein zwischen 2000 und 2010 etwa 5% der Bevölkerung verloren. Außerdem waren 2010 mehr als 63% der urbanen Bevölkerung sind „African American“. Mit „Hispanic“ füllten (nahezu Ostküsten-typisch) nur knapp 5% den Zensus-Zettel aus, während „White“ in knapp 29% der Bögen stand. Hier fällt allerdings die hohe Segregation der Bevölkerung besonders auf, wie man South Baltimore und den 90% „White’s“ ansehen kann. Zudem schafften es 18 Districte auf ein Verhältnis von 9:1 bei „African American“ zum Rest der ethnischen Angaben.

Wie man sieht, sind The Wire und Baltimore auch anscheinend heute noch untrennbar miteinander verbunden. Die realistische Darstellung der Protagonisten auf allen Seiten, macht die Serie auch heute noch zu einem Erlebnis, welches man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man es (immer) noch nicht geschafft hat, The Wire zu sehen oder eines der (zugegebenermaßen recht umständlich geschriebenen) Bücher zu lesen.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar