Shoefiti

Schuhe an Überlandleitungen und Laternen in den USA

Was machen Sie mit alten, abgetragenen Schuhen? Etwa wegwerfen? – Wie wäre es stattdessen, wenn Sie ihre Schuhe statt in die Tonne auf etwas werfen würden, zum Beispiel ein Stromkabel? Sicherlich fragen Sie sich, warum Sie so etwas tun sollten. Hier die Gründe: zum Recycling bei gleichzeitiger Verschönerung der oberirdischen Infrastruktur im Stadtraum oder einfach, weil es gerade Trend ist.

In New York, genauer in Brooklyn, sind mir die von Stromkabeln baumelnden Schuhe zum ersten Mal aufgefallen. Das ist Shoefiti klärte man mich auf. Ein Kunstwort zusammengesetzt aus dem englischen Wort für Schuhe und Graffiti. Im Gegensatz zur illegalen Graffitikunst zeigt diese Kunstform zurückhaltend, im „normalen“ Blickfeld scheinbar unsichtbar, zusammengebundene Schuhe, die in den öffentlichen Raum hinein baumeln. Denn obwohl die Schuhe nicht versteckt im öffentlichen Raum hängen, hängen sie doch so weit oben, dass sie für die Meisten versteckt bleiben. Wer sich aber aufmerksam im Stadtraum bewegt, dem wird die Kunst die Augen öffnen, die Wahrnehmung für das Umfeld steigern.

Shoefiti New York

Aber ist Shoefiti als Gesamtkunstwerk zu sehen, das über die Stadt verteilt an den unterschiedlichsten Orten einfach so auftaucht, oder steckt da mehr hinter?

Shoefiti – Einfach mal abhängen

In Los Angeles sind mir die baumelnden Schuhe in einem Block südlich der Downtown wieder aufgefallen. Sollte auch hier die Kunstszene aktiv unterwegs sein? Eine Szene ja, nicht jedoch die der Künstler, sondern der Kriminellen. Die hängenden Schuhe weisen an diesem Standort Drogenabhängigen den Weg zu ihrem Dealer. Daneben wird das Schuhsymbol von den Straßengangs benutzt, um inhaftierten oder verstorbenen Gangmitgliedern ein Erinnerungszeichen zu setzen.

Shoefiti in BrooklynUnter amerikanischen Rekruten taucht das Phänomen Shoefiti ebenfalls auf und zwar nach dem Ende ihres Wehrdienstes, wenn die durchgelatschten und unbequem gewordenen „Boots“ auf freihängende Leitungen geworfen werden, um damit die Zeit und jeglichen Ballast von sich zu werfen. Shoefiti ist aber nicht nur ein amerikanischer Brauch, der gerade wieder medial aufgearbeitet wird, sondern weltweite Tradition. Während im Norden Schottlands junge Männer ihre Schuhe auf die Telefonleitungen der Elternhäuser hängen, um unausgesprochen Auskunft über ihre erste Liebesnacht zu geben, tun dies australische Schüler nach ihren bestandenen Abschlussprüfungen.

Sogar in Deutschland gibt es Shoefiti. Berlin ist die Hochburg der Trendaufnahme und -umsetzung aber selbst in Kleinstädten und im dörflichen Bereich ist das Shoefiti angekommen. Eine Lokalzeitung aus Bonn berichtete über den Ortsteil Oberkassel, der durch Pumps auf der „Straßenleine“ in die Schlagzeilen geraten ist. Im Gegensatz zu Turnschuhen, deren zusammengebundene Schnürsenkel sich beim Wurf auf die Kabel verhaken und für den Halt sorgen, ist die „Installation“ der Pumps in luftiger Höhen sehr viel schwieriger, weil Pumps einzeln und an ihren Absätzen befestigt werden müssen. Doch gerade mit der großen Anstrengung und Mühe, die die Anbringung kostet, soll man sich angeblich auf einen Schlag aller Sorgen und Nöte entledigen, die man im Alltag mit sich rum trägt.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Shoefiti ist ein universaler Trend, der zahlreiche Bedeutungsgehalte aufweist. Ein Symbol für Verschiedenes, von Kunst über Drogen bis hin zu bestandenen „Prüfungen“ jeglicher Art. Shoefiti lässt also keine Verallgemeinerungen zu, sondern scheint ortsspezifisch zu sein und darüber hinaus vom Alter und Beruf der Schuhwerfer abhängig zu sein. Damit ist die (Be-)Deutung des Shoefitis ortsbezogen und ausschließlich den Eingeweihten bekannt. Alle anderen können über die Bedeutung, vielleicht auch Sinnhaftigkeit, nur spekulieren.

Das Umfeld der Shoefitis gibt dem genauen Stadtraumbeobachter aber doch erste Hinweise auf deren Bedeutung. So weist die Umgebung Brooklyns deutlich auf eine aktive Künstlerszene vor Ort hin, mit Sprayern, Malern, Sticker-Klebern, Streetdancern und Skateboardartisten. Dadurch scheint der Rückschluss fast logisch zu sein, dass es sich hier um eine Kunstform handeln muss. Ganz im Gegensatz zu dem Block südlich der Downtown LA, in dem Armut, Obdachlosigkeit, Kriminalität und Drogensucht die Atmosphäre und das Bild der Straßen prägen. Ein Bild, das von Drogen beherrscht wird und Schuhe als Mittel bzw. Mittler den Weg zum Suchtmittel aufzeigen. Die Gegenüberstellung dieser zwei Bedeutungszuweisungen allein macht deutlich, dass Shoefiti nicht gleich Shoefiti ist. Sobald man über die Bedeutung als Außenstehender Bescheid weiß, verliert der Schuh für seine Nutzer und gedachte Nutzung an Bedeutung und wird oftmals durch ein neues Symbol ersetzt. Dass das Shoefiti über eine solch lange Tradition wie in Schottland verfügt zeigt aber auch, dass Symbole – auch in Zeiten der flüchtigen Kommunikation via Handy und Internet – zum Stadtbild dazu gehören, weil sie Informationen dauerhaft bzw. nachhaltig präsentieren und erkennbar machen.

LaGuardia Shoefiti

Wenn Sie also das nächste Mal Schuhe über der Straße hängen sehen, betrachten Sie einfach mal die Umgebung und finden Sie heraus, was hinter der Symbolik stecken könnte. Oder werden Sie selbst zum Shoefitter und drücken Sie einem Ort ihren „Stempel“, laden ihn mit Ihrer Bedeutung auf.

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