Redevelopment in den USA

Um das Redevelopment, also den Umbau und die Neuordnung amerikanischer Städte zu beschreiben eignet sich hervorragend ein Zitat aus meinem absoluten Liblingsfilm. In „(500) Days of Summer“ sagt der Charakter von Joseph Gordon-Levitt: „I feel like why make some disposable like a building when you can make something that lasts, like a greeting card”. Diese Neuordnung und großflächige Sanierung der Innenstädte, ist für die Revitalisierung von Innenstädten von besonderem Interesse. – Aus Alt macht Neu heißt meistens die Devise und je nachdem, wie so eine Umordnung vollzogen wird, bedeutet es schon einmal den Abriss historischer Gebäude. Wie sehr sich die Städte hierdurch verändert haben, zeigen mehrere Bilder der Los Angeles Public Library.

Die Grundlagen der Neuordnung von Städten

Diese Neuordnung der Innenstädte wurde, durch das Zusammenspiel mehrerer, sich im Laufe der Zeit negativ auswirkender Gesetze notwendig. Der National Housing Act von 1934, der Servicemen’s Readjustment Act, auch bekannt als G.I. Bill, von 1944, ein Zusatz zum Housing Act von 1954 und der Federal Aid Highway Act von 1956 begünstigten den allgemeinen Niedergang vieler US-amerikanischer Innenstädte, da jedes dieser – damals noch weitreichend beschlossenen – Bundesgesetze zu einer Verstärkung der Suburbanisierung führte.

Rassentrennung und der Krieg

Besonders den Soldaten des Zweiten Weltkrieges sollte es durch diese Bundesgesetze verstärkt ermöglicht werden, ein Eigenheim auf dem Land zu erwerben. Der Housing Act machte es möglich, bei gleichzeitiger Steuersubventionierung privater Hypothekenzinsen, mit einer zehnprozentigen Anzahlung des eigentlichen Kaufpreises ein Haus in den Vororten zu erwerben. – Eine Kreditblase, wie sie zuletzt 2008 in den USA für reichlich Probleme sorgte.

Obdachloser Downtown Los Angeles im Sommer 2009In den Innenstädten blieben lediglich die schwächsten Bevölkerungsschichten zurück. Diese inner city poor oder urban underclass waren meistens Schwarze, die in immer schlechteren Verhältnissen leben mussten. Begünstigt wurde die ethnische und soziale Segregation dabei durch die Gesetze selbst. Besonders der Servicemen’s Readjustment Act, der es zunächst nur den weißen G.I.’s erlaubte ein Haus in einem der neuen Vororte zu erwerben, führte zu einer fortschreitenden ethnischen Segregation der Bevölkerung. „As has been well documented, the resulting settlement patterns featured concentrations of White, middle- and upper-income groups in the suburbs, and minority, low-income populations in the city” (Birch, 2002, S. 8).

Wie es zur damaligen Zeit noch in der Downtown aussah, zeigt das folgende sechsminütige Video, dass Bunker Hill und die Downtown Los Angeles im Jahre 1940 zeigt. Viele, der noch heute stehenden Gebäude lassen sich gut erkennen, wohingegen das ehemals sehr bekannte Richfield Building an der Flower Street längst den Neubauten weichen musste.

Statt den Städten zu helfen führten die Gesetze dazu, dass sich die soziale und politische Situation zunehmend destabilisierte und eine Planungskatastrophe drohte. Aus diesem Grund wurden in den 1950er und 1960er Jahren verschiedene Maßnahmen durchgeführt, um die Kernstädte zu retten. Die meisten dieser damaligen urbanen Erneuerungs-Gesetze bewirkten jedoch eher das Gegenteil. Die Städte verfielen weiter und zurück blieben die armen, abgehängten Schichten.

Zwei Präsidenten und weitere Katastrophen

HighwayBesonders das von den Präsidenten Eisenhower und Johnson unterstützte Bundesautobahnprogramm führte zu einem weiteren immensen Wohnraumverlust in den Innenstädten. Die Wohnviertel der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten wurden flächendeckend abgerissen, um dort Autobahnzubringer für die Downtown zu errichten. In den moisten Fällen sind diese Autobahnringe auch heute noch in den amerikanischen Städten zu erkennen. Was in den deutschen Städten meistens auf historische Bauten und ehemalige Stadtmauern schließen lässt, war in den USA den Autobahnen geschuldet. – Allerdings mit ähnlichen Ergebnissen wie bei den mittelalterlichen Stadtmauern. Die Innenstädte wurden praktisch von der Umwelt abgeschnitten und waren auf sich allein gestellt.
In dieser Periode wurden über 42.500 Meilen Interstates in den USA gebaut, davon allein 8.600 Meilen als Stadtautobahnen, so genannte Beltways, um die Kernstädte.
Während Highways und Autobahnen, von der US Regierung zu 90 Prozent finanziert und somit überall in den Vereinigten Staaten gebaut wurden, war der Bau öffentlicher Verkehrsmittel den Stadtverwaltungen überlassen und damit auf verlorenem Posten.

Innerstädtischer Verfall und Zwangsenteignungen

RedevelopmentDie Innenstädte verwahrlosten und zentral gelegene Nachbarschaften wurden mehr und mehr durch den Highwaybau zerschnitten. Ähnlich beispielsweise zum Braunkohle Tageabbau wurden durch den flächenhaften Wohnhausabriss ganze Nachbarschaften umgesiedelt. Leider, im Gegensatz zu der deutschen Umsiedlung zumeist ohne Rücksicht auf bestehende soziale Verbindungen oder Nachbarschaften.

Möglich war dies durch ebenfalls wieder durch ein Gesetz: eminent domain oder condemnation. Diese Gesetze ermöglichten dem Staat und den staatlichen Institutionen privates Land von den Besitzern – bei Zahlung einer Entschädigung – zwangszuenteignen. Einzige Voraussetzung war es, dass ein Gebiet als „blighted“, also verwahrlost, angesehen wurde. Dadurch konnte das Besitzrecht in städtische Hand wechseln und den Weg für die Abrissbirne öffnen. Begünstigt wurde dies dadurch, dass der blight-Begriff nicht genau abgegrenzt wurde und somit, wie die eminent domain, auch in durchaus umstrittenen Fällen durchgesetzt wurde.

Jahrzehnte der Zerstörung

United Artists_Eastern Columbia BldgFlächenerwerb durch die Macht der eminent domain blieb bis in die 1970er Jahre die wichtigste Form des Grundstückerwerbs in den amerikanischen Städten und änderte sich erst 1974. Zu diesem Zeitpunkt rückte man langsam aber sicher von flächendeckenden Sanierung (slum clearance) von ‚Elendsvierteln’ ab und konzerntrierte sich fortan auf wesentlich kleinere Parzellen bzw. auf die Objektsanierung.

Im Sinne des damals aufkommenden New Federalism wurden den Städten und Kommunen wieder mehr sozialstaatliche Aufgaben übergeben und ihre Entscheidungsfreiheit gestärkt. Um dies gewährleisten zu können, wurden zwei bedeutende Programme eingeführt, von dem die US-amerikanische Stadtentwicklung mehr oder weniger profitierte. Dies waren das 1974 von Präsident Nixon eingeführte und sich mehr auf die Vororte konzentrierende Community Development Block Grant-Programm (CDBG) und das 1977 von Präsident Carter als Ergänzung geschaffene und für die Innenstädte sehr bedeutende Urban Development Action Grant-Programm (UDAG):

Redevelopment-Programme in den USA

Durch die Verflechtung öffentlicher und privater Investoren kam es im Sinne des New Federalism zu einer immer stärkeren Konzentration auf die föderalistischen Prinzipien des Staates und zu einer Abgabe von Aufgaben an kleinere Instanzen.
Stadtplanung war also fortan auch ein Schnäppchengeschäft für windige Investoren und Unternehmer.
Die Übergabe der Verantwortlichkeiten führte wiederum zur Gründung von zumeist quasi-gouvernmentalen Agencies in fast jeder größeren Stadt, die sich ausschließlich um die Mechanismen des Neubaus kümmerten.

Community Redevelopment Agencies und Wertzuwachssteuer

Redev5Die Gründung dieser Community Redevelopment Agencies (CRA) wirkte sich auf die Revitalisierungspolitik der Städte aus, da sich diese in erster Linie durch die Wertzuwachssteuer finanzieren.
Als Wertzuwachssteuer bezeichnet man hierbei die Differenz an Steuern zwischen dem alten und neuen Grundstückspreis. Da beispielsweise in Kalifornien nach der Proposition 13 auf Grundstücke eine Grundstückssteuer von einem Prozent gezahlt werden muss und Grundstücke sowie Häuser nur bei einem Weiterverkauf erneut geschätzt werden, können durch Neuschätzung nach dem Redevelopment immense Gewinnsummen erzielt werden. Gewinnsummen, welche in diesem Fall direkt an die CRAs gehen.

Die Wahl der Redevelopment-Gebiete, die ähnlich wie die deutschen Sanierungsgebiete auch, städtebauliche Missstände aufweisen müssen, wurde unter diesem Gesichtspunkt vielleicht  etwas vorschnell getroffen. Dadurch, dass es den Behörden Geld über einen längeren Zeitraum beschert, ist es ab und an fragwürdig, inwieweit diese Sanierungsmaßnahmen wirklich notwendig sind und waren. Immerhin wurden die Gelder gezahlt, solange das Gebiet als sanierungsbedürftig angesehen wurde. Generell ähneln sich auch die Definitionen des blight-Begriffs und die Bezeichnung der städtebaulichen Missstände in Deutschland.

Als sanierungs- bzw. redevelopment würdig sind Gebiete anzusehen, die sich auf die Sicherheit der Wohn- und Arbeitsverhältnisse, der baulichen Beschaffenheit und der Zugänglichkeit der Grundstücke auswirken sowie in Funktionsfähigkeit und Infrastruktur geschwächt sind.

Das strategische Umdenken

Mitte der 1990er Jahre kam es jedoch vermehrt zu einem Umdenken in den Redevelopment-Strategien. Einer der Gründe für diesen Umschwung war ein Paradigmenwechsel in der Redevelopment-Philosophie, welcher auch heute noch aktiv umgesetzt wird und als Smart Growth (intelligentes Wachstum) bezeichnet wird.

Im Speziellen bedeutet Smart Growth, dass die innerstädtische ‚Wiederbelebung’ bei gleichzeitigem Erhalt historischer Bausubstanz durchgeführt wird. Seit einigen Jahren wird diese Art der städtischen Umnutzung immer öfter als sinnvolle Alternative zu weiterem urban sprawl angesehen. Historische Attraktionen werden saniert und wiederbelebt anstatt abgerissen und durch Neues ersetzt.

Vermehrt kommt es zu Bestrebungen dieses unkontrollierte Wachstum der Städte, besonders in den äußeren Bereichen, zu minimieren. Während sich der new urbanism noch auf eben diese Bereiche im Umland konzentriert und das Wachstum auf begrenzte Flächen in der Suburbanisierungszone beschränken will, setzt die Smart Growth-Bewegung darauf, den Landverbrauch in der Peripherie komplett einzuschränken. Es sollen in erster Linie schon besiedelte und mit Infrastruktur ausgestattete Flächen genutzt und innerhalb vorher beschlossener Wachstumsgrenzen gefördert werden.

Private Investitionen sollen eine dichtere Bebauung innerhalb der Städte und Gemeinden bewirken und das Flächenwachstum verhindern. Hierdurch sollen die Städte fußgänger- und ÖPNV-freundlicher werden und eine Alternative zum Auto aufzeigen.

Resilienz und Neue Urbanität

Redev3Durch Nutzungsmischung und vielfältige Wohnangebote sollen breite Bevölkerungsschichten angesprochen und eine resiliente Nachbarschaft geformt werden. Gerade durch die in den letzten Jahren stark gestiegenen Benzinpreise haben diese Formen der Stadtentwicklung, welche den ÖPNV fördern und Entfernungen zwischen den verschiedenen Angeboten verringern, um sie zu Fuß bewältigen zu können, immens an Bedeutung gewonnen.
Smart Growth und New Urbanism-Bewegungen wachsen stetig und führen zu einer veränderten Wahrnehmung der Innenstädte.
Besonders in den alten Stadtkernen sollen architektonisch wertvolle historische Bauten geschützt und von eventuellen Altlasten befreite Industriebrachen genutzt werden, anstatt neue Flächen am Rand der Städte zu erschließen. Downtown Redevelopment und Waterfront Development, das momentan auch in Europa hohen Anklang findet, sind nur zwei bedeutende Methoden, die im Zuge der Smart Growth-Bewegung die Revitalisierung innerer Stadtbereiche forciert haben.

 

Kommentare