Privately Owned Public Spaces: POPS

Downtown Manhattan, Financial District: Ich bin in der 55 Broad Street als mein Blick – eher zufällig – auf die Fassade eines Hochhauses fällt. Was mir auffällt ist ein Emblem an der Hauswand, das einen grünen Baum innerhalb eines gerasterten Quadrats abbildet. Das Zeichen macht mich neugierig. Ich trete näher und lese, dass der grüne Baum das Erkennungszeichen der POPS ist. POPS ist die Abkürzung für privately owned public spaces; öffentlich nutzbare Räume, die sich in privater Liegenschaft befinden. Was das konkret bedeutet entnehme ich den Erläuterungen auf dem sogenannten entry plaque. So sind POPS, die das offizielle Logo tragen, “open to public“, “open 24 hours“. Damit verfügen POPS über wesentlichen Eigenschaften öffentlicher Räume, nämlich dass sie für jedermann zu jederzeit zugänglich sind. Inwiefern die privat hergestellte Öffentlichkeit wirklich öffentlich ist, sollte ich später noch herausfinden.

Ich betrete den soeben identifizierten öffentlich nutzbaren Raum. Hinter der Eingangstür erblicke ich einige Bänke, einen Brunnen, einen Metroeingang und die Aufzugstüren, die zu den Büros auf den oberen Etagen führen. Die Ausstattung ist schlicht, die Aufenthaltsqualität eher mäßig. Der Raum wirkt auf mich nicht wirklich öffentlich, allerdings befindet sich neben meiner Person auch nur noch ein Wachmann in der foyerartigen Halle. Dass Sicherheit einen besonderen Stellenwert einnimmt, macht die Installation zahlreicher Videokameras deutlich, die das Geschehen bzw. Nicht-Geschehen „beobachten“. Weil es für mich jedoch nichts zu beobachten gibt, verlasse ich auf der gegenüberliegenden Seite den Raum und tauche wieder in den Menschenstrom der Straßenöffentlichkeit ein. Während ich meinen Weg durch Manhattan fortsetze frage ich mich, ob das Gesehene wirklich ein Privately Owned Public Space war und wo es noch andere geben könnte. Meine neue Mission lautet: POPS suchen, finden und erkunden!

öffentliche Plätze in New York

Fündig werde ich in der Nähe des Lincoln Centers ohne mitzubekommen, dass ich auf meinem Weg an zahlreichen POPS vorbeigelaufen bin. Auch hier betrete ich den öffentlichen Raum durch eine Tür und bin überrascht. Dieses Mal im positiven Sinne. Denn der Raum ist voll, voller Menschen, voller Leben. Sie sitzen vor mir und unterhalten sich, essen und trinken in einem hellen, freundlichen und gut gestalteten Raum. Trügt mich meine Wahrnehmung oder ist dieser Raum wirklich platzähnlich und öffentlich? Ist das nun das wahre „Gesicht“ der POPS und wie kann es eigentlich sein, dass sich diese POPS so eklatant voneinander unterscheiden?

Geschichte der POPS

Etabliert wurden POPS 1961 im Zuge der Zoning Resolution. Bestandteil dieser Verordnung war die sogenannte Anreizplanung (incentive zoning), die das Tauschgeschäft zwischen städtischen und privaten Akteuren bis heute regelt. Getauscht werden private Flächen des Eigentümers gegen einen Geschossflächenbonus, den die Stadt New York gewährt. Konkret heißt das, dass für jeden Quadratmeter öffentlich nutzbaren Raums, den private Eigentümer bzw. Entwickler bereitstellen, zehn Quadratmeter Geschossfläche zusätzlich bebaut werden dürfen. So ist es nicht verwunderlich, dass es im dicht bebauten Manhattan zu einer Konzentration an POPS kommt, weil bebaubare Fläche knapp und auf dem Bodenmarkt stark nachgefragt ist. Mit der Anreizplanung entsteht eine win-win Situation von der städtische und private Akteure letztlich aber die Bürger New Yorks profitieren. Insgesamt 503 POPS stehen heute auf 32 ha über ganz New York verteilt (Karte) den Nutzern zur Verfügung.

POPS in NYC

POPS werden anhand verschiedener Raumtypen klassifiziert und dabei differenziert nach ihrer Form als Straße, Promenade, Platz, Arkade, Passage oder Innenhof; ob sie sich innerhalb oder außerhalb von Gebäuden befinden. Neben der funktionalen Einordnung werden POPS zunehmend auch nach ihrer Nutzergruppe unterschieden, die wiederum in Korrelation mit der eigentlichen Nutzung des Gebäudes steht. Egal ob für Angestellte in einem Bürohochhaus, als Nachbarschaftstreff oder Parkersatz inmitten dichter Bebauung, als Durchgangsraum oder zum einfachen Verweilen, POPS sind zum Selbstverständnis für New York City geworden.

Im Jahr 2007 wurde erstmals eine Inventarisierungsstudie der POPS durchgeführt. Diese kam zu dem Ergebnis, dass fast 50 % der POPS mangelhaft waren und als unbrauchbar bzw. ihr Zustand als unhaltbar bezeichnet werden musste. Um dem zu entgegnen wurden Gestaltungsgrundsätze zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität aller POPS – auch rückwirkend – entwickelt, die vorhandene Missstände beheben und Verstöße gegen die Zonenbauordnung fortan sanktionieren sollten. Ziel dieser Rekonzeptionalisierung war und ist es immer noch die POPS für ihre Nutzer und Nutzungsbedürfnisse zu planen und zu gestalten. Dafür wurde ihnen ein Zweck zugeordnet – nämlich die Vielfalt in Bezug auf ihre Nutzung und Funktion – der die Integration der Interessen v. a. zukünftig wahren soll.

POPS © Urbanfreak.de_Angelina Göb

Update POPS – meet the needs

Für eine bessere und multifunktionalere Nutzungsweise der POPS wurden qualitätsverbessernde Gestaltungsvorgaben und Kontrollstandards eingeführt, die in sogenannten Designstandards bzw. der Planungsverordnung festgelegt sind und durch ein Monitoringsystem überprüft werden. Die darin enthaltenen Richtlinien regeln Fragen zur Größe, Barrierefreiheit, Einsehbarkeit, Bepflanzung und dem Lichteinfall. Explizite Vorschriften wurden auch für die Möblierung aufgestellt. So gibt es allein für die Sitzgelegenheiten präzise Vorgaben zur Art der Bestuhlung, zur Sitzhöhe sowie zu ihrer Rolle und ihrem Platz im Raum. Unter dem sogenannten social seating in Form von moveable furniture werden z. B. einfache Stühle zusammengefasst, die nach Belieben und Bedarf auf- oder abgebaut, auseinander oder zueinander gestellt werden können, um Interaktion und Öffentlichkeit in oder auf den POPS herzustellen.

Privately Owened Public Spaces Urbanfreak.de

Unabhängig von der Raumkategorie der privaten aber öffentlich nutzbaren Räume, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb oder außerhalb von Gebäuden befinden, gelten die neu gesetzten Designstandards. Sie gehen auf die funktionalen und visuellen Eigenschaften der POPS ein, stehen in einem engen Zusammenhang mit der Größe der Raumes, seiner Form, Lage und Ausrichtung. Dabei gilt: Je größer der öffentlich nutzbare Raum, desto größer die Vielfalt bei der Ausstattung.

Für die Errichtung und Einrichtung neuer POPS wurde ein Katalog mit best practice Beispielen erstellt. Dieser führt Beispiele für gut gestaltete öffentliche Räume auf, die sich durch eine gelungene Verbindung mit dem Straßenraum auszeichnen, offen, frei und zumindest objektiv für jeden zugänglich sind. Genau diese Formulierung wird auch in dem Katalog verwandt, weil kaum ein POPS unbedingt zugänglich ist. Durch die Angabe von Öffnungszeiten (die allerdings einer Genehmigung bedürfen) sind die meisten POPS nicht zu jeder Zeit nutzbar. Regulierend wirkt sich ebenfalls eine Überwachung der Räume in Form von Videokameras und Wachpersonal aus. Hierdurch wird (ganz bewusst) ein Umfeld geschaffen, das Randgruppen, wie Obdachlose und Drogensüchtige, abschrecken soll bzw. ihnen den Zutritt direkt verweigert. In diesem Punkt unterscheiden sich POPS jedoch nicht von „normalen“ öffentlichen Räumen für die das Zugänglichkeitskriterium als das definitorisch Entscheidende zwar immer noch angeführt wird aber ebenso normativ ist. Exkludierend wirkt demnach nicht die Tatsache, dass sich POPS in privater Liegenschaft befinden, sondern die gelebte Ausgrenzung getarnt als Sicherheitsmaßnahme. Wenn die dadurch induzierte scheinbare Sicherheit Vorrang vor dem urbanen Leben hat kann das, wie meine erste POPS-Erfahrung zeigt, zu menschenleeren, ungenutzten und damit nicht öffentlichen Räumen führen.

Privately Owned Public Spaces © Helen Schrader

POPS ist nicht gleich POPS

Die von mir aufgesuchten POPS sind trotz ihrer qualitativen Unterschiede rechtlich gesehen gleich bzw. als gleichwertig zu betrachten. Gleichwohl entspricht mein zuerst besichtigter POPS nicht den neuen Designstandards. Trotz neuer Vorgaben sind bislang nur wenige POPS, darunter auch der an der 55 Broad Street, nachträglich umgestaltet und aufgewertet worden. Gerade weil zu Beginn die neuen Regelungen derart komplex waren, waren sie kaum zu verstehen geschweige denn zu überprüfen, weshalb Kontrollen sowie Sanktionierungsmaßnahmen von Seiten der städtischen Verwaltung ausblieben. So wurden auf der Grundlage eines Abänderungsvertrags im Jahr 2009 die POPS noch einmal untersucht. Die Erhebung ergab, was sich mir dargeboten hat, nämlich dass die Situation weitestgehend unverändert war; die meisten POPS immer noch als unbefriedigend einzustufen waren. Das sollte sich mit der neuen Anordnung ändern, die die rechtlichen Grundlagen der Zonenbauordnung und die Genehmigungsverfahren der Anreizplanung zu vereinfachen versucht.

Das Problem – nach wie vor – ist allerdings, dass die POPS der „Anfangszeit“ kaum, trotz Sanktionierungen, an die nachträglich und neu gesetzten Standards angepasst wurden. So sind POPS wie im Financial District keine Seltenheit und durchaus öfter anzutreffen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass Nutzung und Gestaltung der POPS in enger Wechselwirkung miteinander stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Ist der POPS nicht ansprechend gestaltet, wird er nicht genutzt; gibt es keine Nutzer, wird dieser nur funktional hergerichtet. Die meisten New Yorker machen es dann wohl so wie ich, sie nutzen die POPS als schnelle Querungsmöglichkeit von einer Straßenseite auf die Gegenüberliegende. Der Beispiel-POPS am Lincoln Center zeigt aber auch, dass der Gestaltung, gerade bei innenliegenden öffentlichen Räumen, eine sehr große Bedeutung zukommt. Eine gute Gestaltung Öffentlichkeit bzw. eine öffentliche Atmosphäre erzeugen. Öffentlich weil nach oben hin offen, fallen die meisten außenliegenden POPS den Nutzern kaum als de jure private Räume mit de facto öffentlicher Nutzung auf. Öffentlichkeit stellt sich an diesen Orten meist schneller ein, da diese POPS nach ihrer Nutzung und Funktion als „normaler“ öffentlicher Stadtraum wahrgenommen werden, was eindeutig für sie spricht.

Moos Graffiti

POPS für Deutschland?

In Deutschland sucht man das Logo der POPS vergeblich. Zwar gibt es Deals und Verhandlungen, Tauschgeschäfte und unentgeltliche Bereitstellungen von privaten Flächen für öffentliche Zwecke, doch bleiben diese Kooperationen hierzulande oft im Verborgenen. Bekanntestes Beispiel eines „deutschen POPS“ ist das Sony-Center in Berlin. Alle anderen öffentlich nutzbaren Stadträume sind oft nicht identifizierbar, weder für die Eigentümer noch für die Stadt. Das heißt nicht, dass es keine Ambitionen im Hinblick auf die Umsetzung öffentlich-privater Zusammenschlüsse gibt. Gerade vor dem Hintergrund fehlender Haushaltsmittel und einer schwierigen Finanzlage könnte das Konzept der POPS zur nachhaltigen Sicherung öffentlicher Räume in vielen Städten und Kommunen Anwendung finden. Dazu müssten die bestehenden Beziehungen nur aufgedeckt bzw. gefördert werden, so dass beide Seiten, vor allem aber die Nutzer, einen Nutzen aus den zusätzlich bereit gestellten öffentlichen Räumen ziehen können. Auslöser solcher Kooperationen liegen meist in der Öffnung, der Um- oder Nachnutzung von Flächen, in Aufwertungs- und Erweiterungsmaßnahmen, Neubauten oder Stadterweiterungen. Die Kooperationen, die draus entstehen sind individuell, situationsspezifisch und akteursabhängig. Die Akteurskonstellation ist wiederum ein Ergebnis aus dem Kontext, dem Anlass und der Lage des Raums sowie den Eigentumsstrukturen, den Funktionen und den Finanzierungsmodalitäten. Basierend darauf werden die Instrumente der Umsetzung gewählt, informell oder formell. In Deutschland gibt es die Möglichkeiten über Nutzungsfestschreibungen im B-Plan, Grundbucheintragungen und der Aufsetzung städtebaulicher Verträge public-private partnerships rechtlich zu sichern oder privat nach §171 f BauGB zu initiieren. Nicht eindeutig regulierte öffentlich nutzbare Räume scheinen in Deutschland aber, wie der Alltag zeigt, gut zu funktionieren. Denn wenn sich die Nutzer dieser Räume diese selbstständig erschließen und aneignen, ist es egal ob sie de jure oder de facto öffentlich, privat oder ein Hybrid sind.

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