Pflanzen Graffiti und Phytology

Heute geht es mal wieder nach London. Genauer gesagt auf eine Grünfläche in der Bethnal Green Nature Reserve in der Middleton Street. Ganz genau gesagt am Bethnal Green, E2 9RR, London. Dort befindet sich nämlich das Phytlogy Medical Field, also eine weitestgehend natürlich belassene Grünfläche auf der 32 verschiedene Pflanzen für die so genannte Phytotherapie und die traditionelle Medizin ausgesäht wurden. Wer sich also den etwas anderen Botanischen Garten in London anschauen möchte, dem erzähle ich nun, warum es sich lohnt. Denn vermutlich haben noch nicht viele von euch den Weg zur Phytology Homepage gefunden.

Phytology photo by Michael Smythe14

Das Team von Phytology

Neben Dr. Peter Giovannini, dem Hauptverantwortlichen der Kew Royal Botanic Gardens und Ethnobotaniker sind noch fünf weitere Personen an dem Phytology Projekt hauptsächlich beteiligt. Dies ist unter anderem Michael Smythe, der mir auf Anfrage netterweise die ganzen Bilder zur Verfügung stellte und bei dem Projekt – natürlich – für die Fotografie und das Visuelle zuständig ist. Außerdem ist er nicht ganz unbeteiligt an NOMAD, was man auch unbedingt einmal anschauen sollte, wenn man am Dialog zwischen Künstlern, Kollaborationen aller Art und Ausstellungen im öffentlichen Raum interessiert ist. – Ansonsten sieht die Seite aber auch wirklich ganz nett aus.

Garten vom Phytology Project by Michael Smythe09

Des weiteren sind Naseem Khan, eine unabhängige Strategie beraterin, Colin Nightingale, ein Produzent und Visual Storyteller sowie die Teesdale and Hollybush TRA (eine Art feiwilligen Nachbarschaftshilfe) sowie Cape Farewell, eine Kollaboration von Klima-Wissenschaftlern an Phytology in irgendeiner Art und Weise beteiligt.

Die Pflanzen beim Phytology Projekt

Gemeinsam wurden also verschiedene Blumen und Kräuter angepflanzt, denen in der Alternativmedizin eine bestimmte Wirkung zugesprochen wird. Aufgrund meines nicht vorhandenen Medizinstudiums enthalte ich mich natürlich jeglicher Beschreibungen. Wer mehr über die traditionellen Einsatzgebiete der dort angepflanzen Kräuter wissen möchte, der sollte sich ein Pflanzenlexikon englisch-deutsch schnappen und die Übersichtsseite der Pflanzen ansehen. Von schwarzem Senf über Löwenzahn bzw. Pusteblumen geht es über Merretich bis zu Bockshornkraut, Johanniskraut und wildem Knoblauch.

Phytology01

Drugs - Medizinische Pflanzen und Kräuter08

Die Geschichte der Location

Vermutlich liegt es an den paar Folgen Downton Abbey, die ich am Wochenende gesehen habe, aber die Historie des Bethnal Green kann sich durchaus sehen lassen. Bereits seit dem Mittelalter gibt es Aufzeichnungen, die diesem Ort inmitten von London eine Bedeutung als Feld bzw. Baumschule zusprechen. Seit 1717 gibt es weitere verbriefte Unterlagen, die von einer 47 Morgen (acres) großen Weiden und Wiesen Landschaft an ebendieser Stelle sprechen. Etwas despektierlicher hören sich hingegen die Schriften zwischen der Industrialisierung und dem ersten Wletkrieg an. Von einer der ärmsten Gegenden der Stadt wird hier gesprochen. Immerhin veranlasste dies den Bischof von London in der umliegenden Gegend jede Menge Kirchen bauen zu lassen. Diese zogen wiederum wahre Menschenmassen (ist ja schon etwas her…) in die Gegend und brachten neuen Aufschwung. Zumindest bis im zweiten Welkrieg nahezu alles weggebombt wurde und die Ruinen rings um das Bethnal Green zunächst unberührt verwitterten.

Phytology photo by MichaelSmythe315

Einige Mütter der Umgebung fanden allerdings in den 1970er Jahren, dass sich so eine große Grünfläche bestimmt auch noch anders nutzen ließe. Daher wurde zunächst einmal alles eingezäunt (man kennt ja diese begehrten Grünflächen in Städten) und 20 Jahre nicht mehr angefasst. Zumindest so lange, bis in den späten 1990er Jahren mit der schon erwähnten Teesdale and Hollybush Tenants and Residents Association wieder Bewegung in die Grünfläche kam. Umbenannt in Bethnal Green Nature Reserve wurde nur kurze Zeit später mit dem Pflanzen der schon angesprochenen Blumen und Kräuter begonnen. Nebenbei alles Pflanzen, die schon im 5. Jahrhundert im Alten Englischen Herbarium (Old English Herbarium) als medizinisch genutzte Blumen und Kräuter enthalten waren.

 

StreetArt, Graffiti und Stencils von Vhils

Natürlich schreibe ich jetzt keinen Artikel nur über die (nicht näher erläuterte) medizinische Wirkung von Pflanzen. Nein. Denn das Phytology Projekt hat noch einiges mehr zu bieten. So ist eine der Hauptattraktionen eine Wand voller Pflanezngraffiti bzw. gerne auch Plant Graffiti oder Weed Graffiti genannte Fläche. Der portugiesische StreetArt Künstler Vhils ist nämlich einer der vielen Künstler, die sich an diesem Projekt im öffentlichen Raum beteiligten und mit ihrer Kunst zum Gelingen von Phytology beitrugen. Die Verbindung der verwitterten Location und der urbanen Kunst von Vhils ist seitdem eine der Hauptattraktionen, die Phytology zu bieten hat. Damit das Lesen nicht zu langweilig wird, lasse ich daher kurz ein Video sprechen, dass Michael Smythe mir ebenfalls zur Verfügung gestellt hat.

Vhils Graffiti nach Stencil04

Abgesehen von meiner Wenigkeit waren auch noch ein paar andere Schreiberlinge von diesen Wurzel Graffiti Stencils recht angetan, weshalb Vhils mit dieser Arbeit seitdem einiges an Aufsehen erlangen konnte. So gibt es beispielsweise bei FastCoCreate einen längeren Artikel mit weiteren Stencils von Vhils sowie eine Reihe anderer Artikel, auf die Phytology wiederum von der Presseseite der Homepage verweist.

Wurzelgraffiti von Vhils ©Michael Smythe05

Nahaufnahmen Wurzeln und Graffiti Stencil13

Weitere Projekte innerhalb von Phytology

Abgesehen von Stencils und Wurzeln gibt es noch jede Menge andere Projekte auf dem Phytology Gelände um die Stadtbevölkerung auf die medizinische Wirkung von Pflanzen aufmerksam zu machen. Einige Aktionen sind wiederkehrend und finden dauerhaft statt, während andere – wie eben die Stencils – nun eher durch die Zeit noch an Wirkung gewinnen, aber eben nicht mehr dadurch gekennzeichnet sind, dass der Künstler durch das Gestrüpp der Innenstadt wuselt.

Ständig anzutreffen ist zum Beispiel die Zeichnerin Talya Baldwin, die sich für die gemalten bzw. gezeichneten Pflanzen auf den Billboards und der Website verantwortlich zeigt und alle 32 Kräuter auf ihre Art festgehalten hat.

Handzeichnung Pflanze10

Phytology-Zeichnung Website-Comfrey-Thumb02

Dandelion Phytology ©MichaelSmythe06

Andere Projekte sind das „Adopt a Plant“ Programm sowie verschiedene Diskussionen und Veranstaltungen, die auf dem Gelände stattfinden und dem Kalender entnommen werden können. Hierzu gehören unter anderem Lagerfeuer, Die „Ministry of Stories“ Workshops sowie die Untersuchung der historischen Stätte (über das Institute of Use) selbst. In jedem Fall also ein Projekt, welches meiner Meinung nach die Aufmerksamkeit verdient hat, die es gegenwärtig bekommt und schon bekommen hat. Und wer es im „Sommer“ dieses Jahr nach London schafft, sollte definitiv einmal den Weg zum Bethnal Green, E2 9RR, London in Angriff nehmen. Zum Abschluss aber erst einmal noch die restlichen Bilder, die ich bislang noch nicht unerbringen konnte. 😉

Medizinische Pflanzen und Kräuter bei Phytology12

Komplette Wand mit Wurzel Graffiti11

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