Meatpacking District

Das Meatpacking District in New York, in dem früher Fleischer ihrer Arbeit nachgingen, ist heute Szeneviertel der Fashion Victims; verwandelt, überprägt, kurz gentrifiziert.

Aber von vorn: Der Bereich über den wir sprechen, mit offiziellem Namen Gansevoort Market, ist ein 18 ha großer Bezirk im Südwesten von Manhattan. Das Areal erstreckt sich von der 14th Street West östlich über die Hudson Street, westlich entlang des Hudson Rivers bis zur Gansevoort Street im Süden.

Vor dem Umbruch war das Viertel gekennzeichnet durch Fleischfabriken, Nachtclubs und Prostitution. Ein Ort mit zweifelhaftem Ruf und gewiss kein Schauplatz für Besserbetuchte. Um 1900 waren 250 Schlachtbetriebe im Meatpacking District niedergelassen, heute sind es nicht mal mehr 30. Der strukturelle Wandel sorgte dafür, dass Schlachtereien entbehrlich und in den 1990er Meatpacking DistrictJahren gegen moderne Dienstleistungs- und Einzelhandelsbetriebe ausgetauscht wurden. Blue collar jobs wurden durch white collar jobs ersetzt, leerstehenden Industriebauten renoviert und veredelt. Damit hat das Meatpacking District seine  Funktion als „Schlachthof“ New Yorks verloren, wiederbelebt wurde es als „Catwalk“ der Upper Class. In den letzten 30 Jahren hat das Viertel durch Aufwertungsmaßnahmen einen enormen Aufschwung erfahren, was ihm den Titel „Szenetreff“ und „most fashionable neighborhood“ vom New York Magazine einbrachte.

Der „Adel“ reitet ein – die Gentrifizierung

Der Prozess der Gentrifizierung kann auf vier Ebenen empirisch erfasst werden: auf der baulichen, der sozialen, der funktionalen und der symbolischen Ebene. Der stadtteilbezogene Aufwertungsprozess, der grundsätzlich mit einer Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen durch den Zuzug wohlhabender Schichten einhergeht, vollzieht sich dabei in vier Schritten.

In der Experimentierphase ziehen die sogenannten Pioniere in das Viertel. Geringe Mieten und die „etwas andere“ Atmosphäre  machen das Viertel in der Expansionsphase dann aber auch für Szenebildner interessant, einer Gruppe, die sich aus Studenten, Künstlern und Alternativen zusammensetzt. In der zweiten Expansionsphase folgen Gentrifier, wie Yuppies und Dinks (double income no kids), den Pionieren in das bis dahin durch Renovierung und Sanierung aufgewertete „In“-Viertel nach. In jeder dieser Phasen erfährt das Viertel eine Form der Aufwertung, die letztlich in einer Stagnationsphase endet. „Generalüberholt“ ist das Viertel damit am Ende seiner Entwicklung angelangt – zumindest vorerst.

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Kurz umrissen beschreibt diese Entwicklung den „doppelten Invasions-Sukzession-Zyklus“. Dabei schaffen die zu jeder Phase gehörenden „Invasoren“ ein neues soziales Milieu, das ihren spezifischen Lebensstil widerspiegelt und das Viertel in ihrem Sinne aufgewertet und für die nächste Gruppe der „Invasoren“ interessant macht. Entsprechend des Mottos „Survival oft he fittest“ gewinnt dabei derjenige den Verdrängungswettbewerb, der am finanzstärksten oft auch am gebildetsten ist und sich das gewachsene aber veränderte Viertel erkaufen kann.

Mit diesem Modell wird bereits die soziale und bauliche Ebene der Gentrifzierung beschrieben, die mit einem nahezu vollständigen Austausch seiner Bewohnerschaft und ihrer Arbeitsplätze einhergeht. Aus arm wird reich, aus einfachem Arbeiter erst Künstler dann gut situiert gebildeter Lebemann. Vom Fleischer zum Fashionist, so lässt sich die Entwicklung im Meatpacking Districts zusammenfassen.

Baulich scheint auf den ersten Blick alles beim Alten geblieben zu sein. Denn gerade die Industriebauten sind es, die den Reiz der Ansiedlung für Pioniere und Gentrifier ausmachen. Außen alt innen neu, so wird in den umfunktionierten Lager- und Industrieräumen heute gelebt. Die Hallen sind mittlerweile Lofts, die als Luxuswohnungen teuer auf dem Immobilienmarkt gehandelt werden, weil sie offen, weiträumig und mit hohen Decken ausgestattet sind. Die bauliche Aufwertung des Viertels macht sich auf den zweiten Blick dann aber doch durch zahlreiche Neubauten (Luxusapartments), Wohnumfeld- und Infrastrukturverbesserungen bemerkbar. Beispiel dafür ist die Umnutzung der High Line, die von 1932 bis 1980 als Hochbahntrasse für Industriebahnen genutzt wurde. 2006 begann ihr aufwendiger Umbau zur Parkanlage, deren erster Teilabschnitt 2009 eröffnet wurde. Auch das Whitney Museum of American Art plant die Errichtung eines „Leuchtturms“ für das Jahr 2015.

Diese baulichen Auswirkungen haben aufgrund ihrer Präsenz im Stadtbild aber auch einen symbolischen Charakter. Neben Landmarks spielen die positive Kommunikation und die gesteigerte Medienpräsenz eine imagefördernde Rolle, da sie das Viertel scheinbar interessanter machen als es jemals war.

Meatpacking District Fashion

Ausgangspunkt für die Aufwertung ist und bleibt aber das funktionale Kriterium, der Strukturwandel. So zog der Funktionsverlust der namensgebenden Fleischereiindustrie Leerstände nach sich, die durch die Ansiedlung neuer Geschäfte und Dienstleistungen aufgefangen bzw. behoben werden konnten. Mit der Etablierung des neuen Fashion-Clusters ging fortan auch die Sozialisation eines neuen Milieus einher.

LKWs im Meatpacking District in New York CityDamit das Viertel sein „Gesicht“ nicht ganz verliert, gesteht man einigen wenigen Fleischereibetrieben noch einen Platz im Meatpacking District zu. Gegen eine gänzliche Übernahme und Umstrukturierung versuchen ehemalige Bewohner des Viertels sich mit Hilfe einer Bürgerinitiative zu wehren. Ihr Ziel ist es, eine weitere Verdrängung der „restlichen, alten“ Wohnbevölkerung durch den Bau von Luxusapartments zu stoppen, teilweise sogar mit  Erfolg. So konnte ein zwölf Blocks umfassendes Areal des Districts unter Denkmalschutz gestellt werden und darf nun nicht mehr verändert werden.

Was am Beispiel Meatpacking District deutlich wird ist die Verflechtung und wechselseitige Beeinflussung aller Ebenen des Gentrifizierungsprozesses, der sich selbst verstärkt, mittlerweile aber in seinem Endstadium angekommen zu sein scheint.

Rot wie Blut…

Waren damals die Kittel der Schlachter vom Hacken des Fleisches blutgetränkt, so sind es heute nur noch die blutenden Füße der Damen, die mit ihren „hohen Hacken“ durch das Viertel stolzieren. Denn heute steht das Meatpacking District  als exklusives Fashion Viertel nur noch für Mode und Money. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: „Adel verpflichtet“ und bringt für die neue Lebensstilgruppe ungeahnte Probleme mit sich, insbesondere für weibliche Fashionistas. Denn zu einem perfekten most fashionable Viertel gehört natürlich auch ein perfektes Outfit mit perfektem Schuh. Dieser ist jedoch mehr Kunst- als Schuhwerk; ausgestattet mit Minimum zehn Zentimeter-Absatz.

Meatpacking District und Gentrification

Während die High Line für High Heels eine catwalkartige (weil ebene) Fläche zum Posieren und Flanieren bereitstellt, zeichnet sich das Viertel zwischen den Designerläden durch  holprige, alt gepflasterte Straßenzüge aus. Das was den „Neuen“ am Alten so gut gefällt, wie das Kopfsteinpflaster, wird zu ihrem Verhängnis. Was als besonders romantisch von den Schönen und Reichen empfunden wird mutiert zur unromantischen Stolperfalle. Denn die Steine liegen nicht mehr fest, verschieben sich gegeneinander, sind in den Untergrund abgesackt oder aus ihrem Verbund gefallen, wodurch große Löcher in der Straße entstanden sind, die es nun beim Gehen nun zu überwinden gilt.

Der richtige Auftritt?!

Wenn die modebewussten Damen dann mit ihren Absätzen in den Fugen stecken bleiben, über spitze Steine stolpern, weil zentimeterbreiten Ritzen im Pflaster ihren anmutigen Gang behindern, wird einfaches Gehen zum reinen Spektakel. Selbst mit männlicher „Stützen“-hilfe bleibt es beim Versuch sich elegant von einem Designergeschäft zum Nächsten zu manövrieren.

Kopfsteinpflaster als prägender Einfluss für die Gentrifizierung„On top“ des Gentrifizierungsprozesses angekommen machen sich „Probleme“ bei den Gentrifiern bemerkbar. Diese vermeintlich oberflächliche Angelegenheit ist nur deshalb ernst zu nehmen, weil sie tiefgreifende Einschränkungen für die neue Lebensstil-Klientel mit sich bringt. Denn Kopfsteinpflaster waren angepasst an den Arbeitsalltag der Industriebetriebe, ausgezeichnet durch ihre Tragfähig- und Belastbarkeit, nicht jedoch an die veränderten Ansprüche der Gentrifier.

Das Kopfsteinpflaster prägt das Meatpacking District jedoch wesentlich mit, ist ein wertvoller und wertsteigernder Standortfaktor; historisch praktisch, heute chic. Es macht das Flair des Viertels aus und stellt einen Grund für den Hype und das Kommen der Gentrifier dar, weshalb sie es auch grundsätzlich erhalten möchten. Doch stehen die Steine ihrem anmutsvollen und grazilen dahinschreiten, gar flanieren entgegen und im Widerspruch zu ihrem High Life-, High Heel-Lebensstil. So könnte es erneut zu einer Verdrängung kommen: entweder der High-Heels resp. seiner Trägerinnen oder der Pflasterung.

Stolperfalle Kopfsteinpflaster?!

Wie wird sich die Stagnationsphase im Gentrifizierungsprozess nun also fortsetzen? Hin zum neuen Trend Turnschuh oder dem Ruf nach Abriss und neuer Asphaltierung? Als verkehrsgefährdenden Untergrund wird das „heiße Pflaster“ von damals zur High Heel Hölle von heute. „Denkmal“ – denken sich wohl die ehemaligen Bewohner des Viertels, die sich für das Pflaster als ein Kennzeichen des ehemaligen Fleischereiviertels einsetzen, das man nicht einfach beseitigen könne, weil es die Mode verlange. Vielleicht rütteln die Pflastersteine also wach und erinnern die „Neuen“ an das, was einst den „Alten“ gehörte. Und vielleicht wird ein Schuh zum Demonstrationsobjekt und Wegweiser für die nächste Phase der Gentrifizierung?!

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