Karneval 8.500 km entfernt

Es ist der 16.02.2012 – Weiberfastnacht – ein Tag, der bei den Jecken im Rheinland die Herzen höher schlagen lässt. Die fünfte Jahreszeit ist in vollem Gange und für mich ist eine Sache ganz klar, ich muss dem närrischen Treiben entfliehen und das so schnell wie möglich und so weit weg wie möglich. Meine Wahl fällt auf die Karibik, unwissend, dass auch dort Karneval gefeiert wird und zwar nicht zu knapp! Diese Erfahrung liegt nun ziemlich genau ein Jahr zurück und warum ich ausgerechnet heute daran zurückdenken muss ist ja auch klar: Es ist Weiberfastnacht 2013!

Karnevalisierung durch Kolonialisierung

An sich ist am Karneval nichts karibisch. Doch aufgrund der wechselnd französisch-britischen Kolonialisierung und der damit einhergehenden kulturellen Überprägung wurde das historisch-katholische Ritual des „Carne Levale“ vor Beginn der Fastenzeit von den Caribindians übernommen und der karibischen Eigenart entsprechend angepasst. Dieser Umstand führte dazu, dass der Karneval heute zum fest etablierten Bestandteil der karibischen Tradition geworden und aus dieser nicht mehr wegzudenken ist. Man könnte fast sagen, dass der Karneval zum karibischen Alltag gehört, weil keinerlei zeitliche Beschränkung für die Karnevalsfeierei vorliegt. So kann in der Karibik ganzjährig Karneval gefeiert werden, von Januar bis Dezember, weil jede Insel in einem anderen Monat „jeck“ ist. Damit ist der karibische Karneval der zweitgrößte auf der Welt und ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, der touristisch vermarktet ganzjährig Touristen anlockt.

Viva Dominica und Roseau Alaaf!

Rosenmontag habe ich in Roseau verbracht, der Hauptstadt Dominicas mit rund 16.000 Einwohnern. Früh zog ich an diesem Tag los, um die Insel zu erkunden, gespannt, was mich dort erwarten würde. Mit dem Bild, das sich mir bot, hatte ich allerdings nicht gerechnet, denn es war heimisch und vertraut: ich stand inmitten eines Karnevalsumzugs.

Gewohntes Bild unter anderer Rahmenbedingung

Clipboard03In dieser Situation gefangen, der ich zu flüchten versuchte, ergab ich mich meinem Schicksal. Was macht also den karibischen Karneval aus? Um diese Frage zu beantworten, mischte ich mich unter die Einheimischen und konnte einige Unterschiede zum kölschen Karneval ausmachen, die die Situation erträglicher, nahezu feiernswert machten.
Statt Minusgraden, Schnee und Regen, die im Rheinland zu dieser Jahreszeit das Wetter bestimmen, waren es hier sommerliche 25 Grad Celsius. Angenehme Temperaturen, die sich auch auf die Outfits der Feiernden auswirkten. Zwar zeigt man bzw. Frau sich in unseren Gefilden auch gerne knapp bekleidet, aber in der Karibik muss dabei niemand frieren. Der karibische Kostümtrend stand unter dem Motto: „Hauptsache sexy, weniger ist mehr“. Die Frauen sind mit kurzen Röcken und Tops bedeckt, die Männer normal angezogen weisen aber eine Art „Kriegsbemalung“ im Gesicht auf.
Statt Schlagermusik und Volksliedern, die man in der Kölner Region nur zu gut kennt, weil anscheinend jeder den Liedtext von „Viva Colonia“ mitgröhlen kann, ertönen karibische Klänge in Form von Reggae und Calypso. Diese Musikstile verkörpern den Geist des karibischen Karnevals, wobei das C für Carnival, A für Action, L für Love, Y für Young, P für Power, S für Sex(appeal) und O für Obsession steht. Eine Formel, die aufgeht und von den Karnevalisten wörtlich umgesetzt wird. Dies zeigt sich insbesondere in ihrem Bewegungsstil, der sich deutlich vom Schunkeln bzw. besoffenen Torkeln der kölschen Karnevalisten unterscheidet. In der Karibik wird „gejamt“ wobei die heißen Rhythmen die Menge einfach mitreißen, sodass auch ich unweigerlich zu jammin‘ beginne. Dadurch bin ich automatisch ein Teil der feiernden Masse, voll integriert und aufgenommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich diese Musik nicht erst „schön“ trinken muss. Das heißt aber nicht, dass es vor Ort weniger Betrunkene gibt. Statt Kölsch gibt es Hochprozentiges, meist Rum. Ein Problem, denn aufgrund der Hitze steigt den Feiernden der „Rauschsaft“ sehr viel schneller und intensiver in den Kopf als wir es von zu Hause gewohnt sind. Das Ergebnis – egal ob in Köln oder der Karibik – ist allerdings das gleiche, „Alkoholleichen“ säumen die Straßen. Hier wird der Rausch ausgeschlafen, um die Feier anschließend fortzusetzen.

Karibischer Veedel und Vereinskultur

Zwar sind die Umzugswagen bei den Caribindians weniger aufwendig und pompös gestaltet, thematisieren weder das politische Geschehen noch werden Kamelle und Strüssche geworfen wie bei uns im Rheinland, doch dröhnt dafür umso lauter die Musik von den gigantischen Lautsprecherboxen und Verstärkern auf den Umzugswagen. Daneben werden die Umzüge Live ins Radio und Fernsehen übertragen, wobei die Moderatoren kaum unterscheidbar von den Karnevalsgruppen im Zug mittanzen, die Teilnehmer interviewen und die Schaulustigen entertainen. Um den karnevalistischen Höhepunkt auf diese Art und Weise überhaupt begehen zu können, organisieren sich Schulen und Firmen in Vereinen, die für ihre Veedelzüge vorab Geld sammeln. Von Musikbands begleitet ertanzen sich die Karnevalsgruppen durch Jump in’s und Jump out’s Spenden, die die Umzüge und Kostüme finanzieren.

Der Zoch kütt

Clipboard01Während die kölschen Jecken auf die magische Uhrzeit 11:11 Uhr warten müssen, starten die karibischen Umzüge bereits gegen vier Uhr in der Früh. Ohrenbetäubend laut ist die Musik, die Stimmung aufgeheizt und elektrisiert. Damit erinnert die Atmosphäre eher an die Loveparade als an den kölschen Karneval. Aber genau das ist es, was den Karneval so karibisch macht, die Reduktion auf das für die Caribindians Wesentliche: Musik, Tanz und Lebensfreude.
Doch auch das alles nimmt irgendwann ein Ende. Zum Abschied wird die Tewe-Vaval-Zeremonie gefeiert, bei der der Karnevalsgeist, eine aus Stofffetzen zusammengesetzten Puppe, symbolisch verbrannt wird, ähnlich der Verbrennung des rheinischen Nubbels. Anschließend folgt eine Phase der Besinnung, der Buße und des Fastens.
Der „Fluch“ der Karibik, jedenfalls für mich, sicht- und erlebbar in Form von Karnevalsumzügen, hat sich trotz zahlreicher Parallelen zum kölschen Karneval 8.500 km entfernt als ein sehr interessantes Erlebnis herausgestellt. Denn die Atmosphäre ist eine ganz andere. Obwohl der Brauch ursprünglich durch die Kolonialisierung Eingang in die Kultur der Caribindians fand, haben sie ihn sich zu eigen gemacht und daraus ihren eigenen Karneval entwickelt, der auf karibischer Musik und Tanz basiert.
Für mich heißt es nach diesem Tag: neue Insel, neues Glück. Alaaf Roseau, Adieu Roseau. Denn zu meiner Freude bin ich dem Karneval doch noch davongefahren. So war mein Karneval 2012, ganz im karibischen Sinne, reduziert auf das Wesentliche.

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