Das grösste Haus der Welt

Ab und an schreibt Google die Blogbeiträge ja fast von selbst. Eigentlich wollte ich aus Interesse einfach nur nachschauen, ob denn das neue World Trade Center in New York, wenn es denn dann mit allen Hochhäusern fertig gestellt ist, wieder das größte Haus der Welt sein wird. Zumindest, wenn man nach dem Allgemeinverständnis der Leser ausgeht. Immerhin wird als das größte Haus der Welt gemeinhin lediglich das höchste Haus der Welt beschrieben. Dummerweise sind Höhe und Größe nicht dieselben Dinge, wie man eigentlich wissen sollte. Da aber kein Rekord ohne schwammige Begriffsdefinitionen möglich ist, begab ich mich also auf meine ganz eigene Suche nach dem größten Haus der Welt. Und siehe da, Google bzw. das von Google empfohlene Jura-Forum lenkte mich auf einmal auf eine ganz andere Geschichte.

Was ist das größte Haus der Welt?

Zugegebenermaßen bin ich nach meinem Regelzeit-Studium der Diplom-Geographie vielleicht ein wenig voreingenommen, aber so ganz habe ich den Drang nach Hochhäusern in der Wüste noch nie ganz verstehen können. Baufläche sollte genug vorhanden sein, um auch rentable Häuser in geringeren Höhen bauen zu können. Immerhin bedeutet Höhe auch gleich Mehrkosten. Denn wirklich rentabel sind Hochhäuser meistens nicht. Dafür kostet allein der Fahrstuhl mitsamt den Instandhaltungskosten viel zu viel. Dennoch wird der Begriff „das größte Haus der Welt“ in der Regel auf das höchste Haus der Welt angewandt. Warum, das wissen vermutlich nur die (männlichen?!) Erbauer selbst.

Jedenfalls bin ich nun wegen des besagten Jurablogs gar nicht mehr dazu gekommen, ob denn nun der Burj Chalifa, das World Trade Center oder doch das Edificio Copan das größte Haus der Welt ist. Dank eines einzigen Foreneintrages (und dann auch noch ausgerechnet in einem Jura-Forum) war nämlich mein Entdeckergeist geweckt und ich fing an mich, mit dem anscheinend wirklich größten Haus der Welt zu beschäftigen. Diesem hier (man sollte beachten, dass Google Maps vermutlich nicht 100% genau ist) in der dort erwähnten 69 Great Hampton Street:

maps 69 Great Hampton StreetQuelle: Alle Bilder Google Streetview

Warum steht das größte Haus der Welt in Birmingham?

Sieht gar nicht so groß aus? Ist es eigentlich auch gar nicht, aber anscheinend wurden dort viele Etagen nach dem „Being John Malkovich“ –Prinzip erbaut oder aber, das größte Haus der Welt hat ein Briefkastenproblem. In der 69 Great Hampton Street in Birmingham sitzen nämlich massenhaft Firmen. Geht man also nach dem Central Business District (CBD) – Intensitätsindex müsste genau an der 69 Great Hampton Street in Birmingham das wirtschaftliche Leben der Stadt zu Hause sein. Eine kleine Google Suche später habe ich bislang etwa 400 Firmen gefunden, die ihren Sitz genau dort haben. In der 69 Great Hampton Street. Es muss sich also um einen florierenden Bezirk handeln, wenn allein ein Gebäude mit so vielen Firmen glänzen kann, die allesamt so erfolgreich sind, dass sie auch Tochterfirmen und Standorte in Deutschland haben, oder? Nun ja, wenn ich nach den Google Streetview Bildern gehe, muss es sich bei diesen 400 plus Firmen in knapp sechs Kilometern Entfernung vom Hauptbahnhof eher um Gentrifier handeln.

Leerstand an der Great Hampton Street

Straßenzeile an der Great Hampton Road in Birmingham

Revitalisierungsbestrebungen an der Great Hampton Street in BirminghamQuelle: Alle Bilder Google Streetview

Die wirtschaftliche Entwicklung von Birmingham

Die Stadt, welche immerhin laut Globalization and World Cities Research Network zu den Beta-World Cities zählt und als wichtiger Transport-, Einzelhandels- und Konferenzort gilt, scheint es also auch im Internet-, Start-up und Limited-Bereich mit London aufnehmen zu können. Zumindest auf der 69 Great Hampton Street. Und das wohlgemerkt in einem Bereich der Stadt, welcher laut European Institute of Urban Affairs noch Teil des Masterplans der „Visioning Study“ ist. Interessant wird es beispielsweise auf Seite 38 des Dokumentes unter dem Punkt 5.2, der darauf hinweist, dass es noch Stadtteile mit erhöhtem Entwicklungsbedarf gibt. Komischerweise alle in der direkten Umgebung der 69 Great Hampton Street, wie auch auf den folgenden Seiten noch öfter erwähnt wird.

Wer nun meint, dass das Paper ja schon ein paar Jahre alt ist und sich Stadtentwicklung, Revitalisierung und städtische Neubauprojekte ja innerhalb weniger Jahre so dramatisch ändern können, dass ein auf den ersten Blick leer stehendes Fabrikgebäude sicherlich in den Jahren 2008 bis 2012 so viele Firmen anziehen kann, dem sei noch der „Big City Plan“ der Stadt Birmingham aus dem Jahre 2011 ans Herz gelegt. Hier besonders die Seiten 25 und 26, welche auf die kurzfristigen Möglichkeiten eingehen, entlang der Great Hampton Street öffentliche Freiflächen entstehen zu lassen. Ebenfalls sei Seite 31 empfohlen. Dort wird auf die Gegenden mit Höhenbegrenzungen näher eingegangen. Alles also eher Hindernisse bei der Ansiedlung von Firmen innerhalb eines Stadtbezirkes. Anscheinend aber nicht in Birmingham, denn zumindest laut Google Suche („Impressum Great Hampton Street“, Company Information Great Hampton Street“ und „Contact Great Hampton Street“) gibt es weit abseits des CBD jede Menge Entwicklungspotenziale für international tätige Firmen.

Think Tank aufstrebender Wirtschaftszweige?

Als nächstes habe ich mich mit den besagten Firmen beschäftigt, welche Google mir lieferte. Immerhin waren das Silicon Valley, Palo Alto und die blaue Banane Europas vor nicht allzu langer Zeit auch nur einfach Städte bzw. Agglomerationen in der Nähe von bedeutenden Städten. Daher wäre es ja auch durchaus möglich, dass ich hier einen Trend entdeckt habe, den es sich zu untersuchen lohnt. Immerhin ist Birmingham Teil der blauen Banane und wer weiß, vielleicht sollte jeder arbeitslose Akademiker schleunigst eine Wohnung in der zweitgrößten britischen Metropole beziehen, damit auch er einen Arbeitsplatz in dieser Boomregion erhalten kann. Aber dazu ist es ja notwendig zu wissen, aus welchem Bereich die Firmen der 69 Great Hampton Street kommen. Immerhin will ein Umzug in den Think Tank Europas ja gut überlegt sein.

Erfreulich für alle Germanisten, Geschichtler, Musikwissenschaftler und Philosophen wird sein, dass Birmingham anscheinend für sie alle über kurz oder lang Jobs parat hält. Denn die 69 Great Hampton Street hat für jeden etwas zu bieten. Schließlich sind die Firmen international ausgerichtet und während sich das Silicon Valley noch auf einen Wirtschaftszweig konzentrieren musste, hat Birmingham das nicht nötig. Zumindest bei den in der 69 Great Hampton Street ansässigen Unternehmen ist dies nicht der Fall. Während man sich innerhalb des CBD noch auf die geschichtlichen Ursprünge der Stadt und somit eher industriell geprägte Zweige konzentriert, gibt es etwas weiter ab vom Zentrum für jeden etwas.

Das Ding mit der Limited Gründung

Ohne zu sehr auf die rechtlichen Hintergründe einzugehen, fällt dem Beobachter bei der Durchsicht der Google-Treffer etwas anderes auf. Genauer gesagt, sind es meistens zwei Dinge.

  • Bei allen in der 69 Great Hampton Street ansässigen Unternehmen handelt es sich um Limiteds, die einen Sitz in Deutschland haben.
  • Bei all diesen Limiteds steht eine doch recht überschaubare Anzahl an Einzelpersonen im Impressum.

Damit will ich zwar in keiner Weise sagen, dass jede in Deutschland tätige Limited irgendwie in fragwürdige Machenschaften verstrickt ist (dafür liefert mir UPS meine Pakete eigentlich immer einwandfrei), aber ich beziehe mich hier ja lediglich auf einen Straßenzug. Und eben dieser Straßenzug hat mich schon ein wenig stutzig gemacht. Ich meine, ich habe wirklich keinerlei Kenntnisse zur Vergabe von englischen Limiteds an deutsche Investoren, aber spätestens, wenn mir das deutsche Handelsregister die Höhe des eingezahlten Kapitals bei einigen der genannten Limiteds nennt, nehme ich von einer Zusammenarbeit mit solchen Limiteds doch lieber Abstand.

Zumal sich auch bei der weiteren Recherche zur 69 Great Hampton Street die Fragen eher vermehrten als dass sie geringer wurden. Ganz im Sinne des Bad Neighborhood-Prinzips, also dem Gedanken, dass schlechte Nachbarschaften auch immer fragwürdige Personen anziehen, war dies auch im Fall der Suchergebnisse so. Seien es nun Seiten, welche die Unternehmen der 69 Great Hampton Street aufzählen und dabei zwar einen Button für Kreditkarteninformationen haben, aber dummerweise kein funktionierendes Impressum oder Foren mit geprellten Kunden von Firmen mit Sitz in der besagten Straße.

Wie gesagt, ich will hiermit keiner der knapp 400+ Firmen der 69 Great Hampton Street Unrecht tun, aber mir hat dieser Eintrag bei Jurablogs wieder einmal gezeigt, dass sich ein Blick ins Impressum lohnen kann, wenn man auf der Suche nach einer seriösen Firma ist, welche ihre Produkte und/oder ihre Dienstleistungen im Internet anbietet. Bei all den möglichen geschäftlichen Gründungsformen für Selbstständige will sich mir persönlich der Sinn oder Unsinn der Gründung einer Limited in Deutschland nämlich nicht erschließen. Abgesehen davon, dass man ziemlich sicher einen Briefkasten bekommt, der vielleicht sogar an der 69 Great Hampton Street im größten Haus der Welt oder zumindest in Großbritannien stehen wird.

Gerne lasse ich mich aber eines Besseren belehren, wenn mir jemand Vorteile nennen will, welche für die Gründung einer Limited in Deutschland sprechen. Immerhin gibt es jede Menge deutsche Städte, in denen ein wenig wirtschaftlicher Aufschwung durch finanzkräftige Start-Ups nicht schaden könnte. Sofern sich dieser wirtschaftliche Aufschwung durch so flächenextensive Firmen wie in der 69 Great Hampton Street ermöglichen lässt, ist bestimmt jede Stadt bereit, die Gebäudemieten im CBD zu verringern.

Ansonsten sollten arbeitswillige Germanisten, Kunstwissenschaftler, Geographen und Geisteswissenschaftler generell aber vielleicht doch eher nach Brandenburg gehen. Laut Arbeitsamt-Statistik und Engpass-Analyse gehören „wir“ nämlich dort zu einer ziemlich gefragten Gruppe am Arbeitsmarkt.

Laut Bundesagentur für Arbeit sind Germanisten in Brandenburg gesuchtQuelle: Bundesagentur für Arbeit

Ansonsten: Es steht zwar schon so unmißverständlich im Impressum, aber hiermit distanziere ich mich nochmals ganz ausdrücklich von den Linkzielen in diesem Bericht… 😉

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  4. Hallo Helen, auch ich werde demnächst in das große Haus ziehen – mal sehen wieviel Platz mir dabei bleibt 😉 Warum ich dort mich reinquetsche anstatt in DE meinen Briefkasten aufzustellen ist recht einfach: Ich eröffne eine kleine aber international tätige Firma und deren Ltd.-Ansehen ist einfach weitaus besser als der neue unbekannte „Mist“ mit einer „UG“ oder der kostenintensiven GmbH (das Geld habe ich einfach nicht) und nicht zu vergleichen mit der vollhaftenden Personengesellschaft. Und unter dieser Adresse firmiert nun mal eine der seriöseren Limited-Gründungsfirmen (von denen es meiner Recherche nur 3 insgesamt gibt, von über 80). Leider ist auch StreetView nicht mehr ganz aktuell, denn es sind schöne Firmenschilder der Gründerfirma angebracht (habe ich durch einen Bekannten anschauen lassen). Und Birmingham ist sicher auch eine Reise wert 😉

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