Carpool Lanes

HOV in den USA

Achtspurige Highways und trotzdem Stau? Das ist das typische Bild und Alltagsszenerie auf amerikanischen Highways rund um die rush hour, rund um Los Angeles. Es gibt nur eine Ausnahme, die linke Fahrspur, eine Spur ohne Stau und stockenden Verkehr. Denn bei dieser Spur handelt es sich um eine HOV. Das ist die Abkürzung für high-occupancy vehicle lane bzw. Carpool Lane. Damit werden Fahrspuren bezeichnet, die ausschließlich für „stark belegte“ Fahrzeuge ausgelegt sind. „Stark belegt“ heißt in diesem Fall, dass mindestens zwei Personen im Auto sitzen müssen, um als Carpool anerkannt und als nutzungsberechtigt zu gelten. Weil die Amerikaner in ihren großen Autos aber vornehmlich alleine verkehren, sind Carpool Lanes in der Regel „Freifahrtstraßen“, frei von jegliche PKWs und frei von Stau. Ein weiterer Vorteil der HOV ist die Heraufsetzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit wodurch sich die Fahrtzeit im Gegensatz zu den regulären Spuren um mindestens eine Minute pro Meile verringert.

Carpool Lanes HOV

Selbst links auf der HOV fahrend bot sich mir die Möglichkeit die „Alleinfahrer“, während wir sie überholten, zu beobachten. Dabei fiel mir sofort auf, dass alles, was ich zuhause vor der Autofahrt erledigt hatte von den „Alleinfahrern“ auf die Wartezeit im Stau vertagt wurde, minutiös geplant und darauf ausgerichtet. So eine Stunde Stau will ja auch genutzt sein! Von wegen fast food, ganz slow und in Ruhe wurde erst einmal gefrühstückt. Dann fingen die Damen sich zu schminken an, derweil sich die Herren rasierten. Im Anschluss an die „Muss-Erledigungen“ folgten die „Kann-Aktivitäten“, die alles umfassten außer Autofahren, denn fahrtechnisch ging auf den morgendlichen Highways gar nichts. Egal ob Zeitunglesen, telefonieren, Nachrichten schreiben, Filme schauen, Musik hören – hier sieht man nichts, was es nicht gibt. Da sich alle PKW-Insassen zu meiner Rechten derartig verhielten, war diese Art des Autofahrens anscheinend nur für mich irritierend. Autofahren bedeutet hier anscheinend nicht nur mit dem Auto zu fahren, sondern auch in dem Auto zu leben. In dem Moment begriff ich auch, warum die „Alleinfahrer“ alleine bleiben wollten. So bestand kein Zwang zur Konversation, jeder blieb ungestört, in Ruhe und einer Pseudoprivatheit abgeschlossen und für sich, um allerlei ungestört, in Ruhe und in einer Pseudoprivatheit erledigen zu können.

Carpool Lanes HOV Helen Schrader Urbanfreak.de

Aber auch ich wurde von den etwas neidisch dreinschauenden wartenden Autofahrern beobachtet, die sich vielleicht manches Mal dachten, dass es doch schön wäre einmal eine Meile am Stück zu fahren. Ungläubige Blicke erntete ich bzw. die Gruppe unseres vollbesetzten Vans als wir aus dem Auto ausstiegen. Ganz standesgemäß war unsere Gruppe in einem Großfahrzeug unterwegs, doch nicht wie kalifornisch-üblich allein, sondern zusammen. Da trauten die umliegenden Personen ihren Augen nicht, waren schier entsetzt, als nicht nur eine, nicht zwei, sondern tatsächlich sechs Leute aus ein und demselben Auto stiegen. Solch eine Vollbesetzung kommt in Amerika eher nicht vor. Aber wie kommt es dazu und zu einer solchen Mentalität? Und warum gibt es überhaupt HOV Lanes, wenn sie doch niemand benutzt?

Don’t be a fool – use a carpool

Die Einrichtung der Carpool Lanes geht auf die Ölkrise im Jahr 1973 zurück. Um dem wachsenden Verkehr und der Luftverschmutzung entgegen wirken zu können, wurde in den 1980er Jahren die HOV Lane als Anreiz zur Bildung von Fahrgemeinschaften eingeführt.

Neuerdings sind in Kalifornien auch einzelne Fahrer auf HOV Lanes akzeptiert, deren Fahrzeug einen festgelegten Emissionswert unterschreitet. Zudem werden immer mehr HOT-Lanes (High Occupancy/Toll – Lanes) freigegeben, die von Einzelfahrern gegen eine Mautgebühr benutzt werden dürfen. Über die Mautgebühr wird der Verkehrsfluss aufrechterhalten, sodass je nach Verkehrsaufkommen die Maut erhöht oder gesenkt wird. In Südkalifornien werden mehr als 1.100 Kilometer für Carpool Lanes auf Highways vorgehalten.

Carpools Helen Schrader Urbanfreak

Die missbräuchliche Nutzung wird mit Geldbußen von mindestens 200 Dollar sanktioniert. Genau deswegen gibt es immer mehr Kontrollen, da findige Fahrer natürlich nichts unversucht lassen um schneller voran zu kommen. Der beliebteste Trick um ungestört zu „verkehren“ besteht darin eine aufblasbare Puppe auf dem Beifahrersitz zu deponieren, die den zweiten Insassen mimt.

Die Macht der Gewohnheit und nicht zuletzt das Auto als Ausdrucksmittel ihres Status konterkarieren sämtliche Bemühungen des Zusammenfahrens und Bestrebungen für ein nachhaltiges und umweltbewusstes Autofahren. Denn in Los Angeles gilt: Je größer das Auto, desto besser, schöner und erfolgreicher sein Fahrer – so zumindest die Denkweise der Autofahrer. Da das Auto für die Meisten, gerade auch für ärmere Menschen, das Statussymbol schlechthin ist, wird es mühe- und liebevoll gehegt, gepflegt und unter gar keinen Umständen mit jemandem geteilt. Kunstvoll gestaltete Autokennzeichen, Autoschmuck und aufwendige Lackierungen unterstreichen diese Hingabe und Denkweise. Mit dem ÖPNV zu fahren stellt mitnichten eine Alternative dar.

Statt Gefängnis ist das Auto ein Stück Freiheit; die Abgeschlossenheit und das Alleinsein werden genossen und nicht als nachteilig empfunden. Zudem bleibt den meisten Fahrern keine Wahl. Aufgrund der Siedlungsstruktur besteht die Abhängigkeit zwischen Mensch und Maschine. Die Trennung der Funktionen, v. a. Arbeiten und Wohnen, bedingt die Bindung und macht das Auto unabdingbar. Oft ist man zwischen den Nutzungen in seinem Nutzfahrzeug unterwegs; es ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens, eine Lebensader auf einer Verkehrsader. Die autogerechte Stadt ist das Leben, gehört zum Lebensgefühl bzw. -stil. Da die Amerikaner es nicht anderes kennen scheint ihnen dieser Umstand nicht zu missfallen, wird hingegen aktiv und effektiv genutzt. Zu einem Umdenken und einer Mehr-Nutzung der Carpool Lanes wird es daher in nächster Zeit wohl eher nicht kommen.

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Sicherlich fragen sich jetzt alle, wer hier schreibt: Mein Name ist Angelina Göb und ich bin ebenfalls Diplom-Geographin. Mein Studium habe ich 2012 an der Universität Bonn abgeschlossen und seitdem schreibe ich, immer wenn es meine Zeit erlaubt ein wenig für UrbanFreak.de

Kommentare

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Stimmt. Wobei wir dann auch schon fast wieder bei Patrick’s Artikel zu Scheinschwangerschaften in U-Bahnen sind. – Es geht schließlich nichts über eine schnelle Beförderung von A nach B und einen Sitzplatz 😉

  2. Ich hab auch schon von Leuten gelesen, die als Mitfahrer ihr Geld verdienen. Da spart man sich dann die Puppe auf dem Beifahrersitz und darf auf die Carpool-Lane

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